Madgermanes von Birgit Weyhe
Die Madgermanes: Vertragsarbeiter aus Mosambik in der DDR
Als Madgermanes werden rund 15.000 Mosambikaner bezeichnet, die ab 1979 auf Grundlage eines Staatsvertrages zwischen der DDR und Mosambik als Vertragsarbeiter in die Deutsche Demokratische Republik geschickt wurden. Der Begriff Madgermanes leitet sich von einer Verballhornung des Labels „Made in Germany“ ab und bedeutet sinngemäß „die verrückten Deutschen“.
Vertragsarbeiter in der DDR: Erwartungen und Realität
Die mosambikanischen Arbeiter sollten in der DDR eine berufliche Ausbildung erhalten – insbesondere in Bereichen wie Kohlebergbau, Landwirtschaft und industrieller Produktion. In der Praxis sah die Realität jedoch anders aus: Viele von ihnen wurden überwiegend für unbeliebte Tätigkeiten eingesetzt, mussten Sonderschichten leisten und waren gezwungen, Überstunden zur Normerfüllung zu übernehmen.
Diskriminierung und Ausgrenzung
Neben den harten Arbeitsbedingungen erlebten die mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR vielfältige Formen von Diskriminierung, Stigmatisierung und Rassismus. Eine soziale oder kulturelle Integration war politisch nicht erwünscht und wurde häufig aktiv behindert – etwa durch die isolierte Unterbringung der Arbeiter. Auch außerhalb der Betriebe kam es zu rassistischen Übergriffen. Aufgrund ihrer Hautfarbe lebten viele Betroffene hinter einem „unsichtbaren Zaun“ aus alltäglichen Vorurteilen und strukturellem Rassismus.

Rückkehr nach Mosambik
Nach der Wende 1990 wurden die Madgermanes durch die Bundesrepublik Deutschland nach Mosambik zurückgeschickt. Viele von ihnen kämpfen bis heute um die Auszahlung des ihnen versprochenen Lohns und Rentenansprüche, die in der DDR einbehalten wurden. [aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Madgermanes]
Madgermanes nach der Rückkehr: Offene Lohnforderungen und ein zerstörtes Land
Ein Teil des Lohns der Madgermanes sollte in der DDR direkt ausgezahlt werden, während ein weiterer Teil nach Mosambik überwiesen werden sollte. Doch diese Auszahlung geschah nie. Als die Vertragsarbeiter nach der Wende 1990 nach Mosambik zurückkehrten, fanden sie ein vom Bürgerkrieg verwüstetes Land vor. Ihre in der DDR erworbenen Berufsausbildungen waren dort kaum nutzbar – und die von der mosambikanischen Regierung treuhänderisch einbehaltenen Lohnanteile wurden bis heute nicht ausgezahlt.
Erinnerungskultur: Birgit Weyhes Comic über die Madgermanes
Die Künstlerin Birgit Weyhe hat diese kaum bekannte Fußnote der deutsch-mosambikanischen Geschichte aufgearbeitet. In ihrem Comic lässt sie die Betroffenen selbst zu Wort kommen und wählt bewusst eine andere Perspektive: Statt des üblichen deutschen Blicks auf die Welt porträtiert sie die Erfahrungen der mosambikanischen Vertragsarbeiter und zugleich den Untergang der DDR.
Durch den Einsatz von Erinnerungsobjekten und allegorischen Motiven entsteht ein Werk, das in seiner Bild- und Erzählsprache die Grenzen zwischen afrikanischer und europäischer Kultur überschreitet.

Preise und Auszeichnungen
Weyhes Comic über die Madgermanes wurde mehrfach prämiert:
- Max-und-Moritz-Preis 2016 für den „Besten deutschsprachigen Comic“
- Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung 2015
Über die Künstlerin
Birgit Weyhe: Eine prägende Stimme der deutschen Comic-Szene
Die Comic-Künstlerin Birgit Weyhe, 1969 in München geboren, verbrachte ihre Kindheit in Ostafrika – eine Erfahrung, die ihren künstlerischen Ausdruck nachhaltig geprägt hat. Nach einem Studium der Germanistik und Geschichte absolvierte sie ein Diplom im Fach Illustration an der HAW Hamburg.

Madgermanes und der Durchbruch in der Comic-Szene
Mit ihrem Werk Madgermanes (2016, avant-verlag) etablierte sich Weyhe in der deutschen Comic-Landschaft. Das Buch beleuchtet die Biografien der mosambikanischen Vertragsarbeiter in der DDR und wurde mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung sowie dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet.
Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine markante Verbindung von Text und Bild aus und greifen oft autobiografische Elemente oder afrikanische Mythen auf. Zentrale Themen sind Identität, Heimat und Kultur, die Weyhe auf einzigartige Weise verarbeitet.
Weitere Werke von Birgit Weyhe
Zu ihren wichtigsten Publikationen zählen:
- Im Himmel ist Jahrmarkt (2013, autobiografisch)
- German Calendar No December (2018, gemeinsam mit Sylvia Ofili)
- Rude Girl (2022, Graphic Novel, Shortlist des Hamburger Literaturpreises & Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2023)
2022 wurde Weyhe in Erlangen als „Beste deutschsprachige Comic-Künstlerin“ mit dem Max-und-Moritz-Preis geehrt.
Engagement und aktuelle Projekte
Neben ihren Comics engagiert sich Birgit Weyhe auch gesellschaftlich. 2024 war sie Mitinitiatorin des Projekts „Wie geht es dir? – Zeichner*innen gegen Antisemitismus, Hass und Rassismus“.
Für 2025 ist ihre dokumentarische Graphic Novel Schweigen angekündigt, die sich mit der argentinischen Militärdiktatur und den Schicksalen zweier Frauen auseinandersetzt. Das Werk erscheint im avant-verlag. [https://www.avant-verlag.de/artist/birgit-weyhe/]
Details zum Buch:
Madgermanes
Text & Zeichnung: Birgit Weyhe
Veröffentlichung: Mai 2016
240 Seiten, Klappenbroschur
avant-verlag.de